Meine Welt ist nicht still - sie ist voller Gebärden

Ich bin gehörlos. Für mich war die Gebärdensprache nie etwas, das ich erst lernen musste. Sie war von Anfang an meine Sprache, meine Kommunikation und ein wichtiger Teil meiner Identität. 

Ich bin in einer gehörlosen Familie aufgewachsen. Meine Eltern sind gehörlos, und auch mein Mann ist gehörlos. Heute bin ich selbst Mutter von vier gehörlosen Kindern. Damit erleben wir drei Generationen einer gehörlosen Familie. 

Unsere Welt ist nicht still. 

Sie ist voller Hände, Gesichtsausdrücke, Blicke, Gefühle und Geschichten. Wir lachen gemeinsam, diskutieren, erzählen, trösten uns und teilen unseren Alltag - mit unseren Händen. 

Doch außerhalb unserer Familie ist die Welt häufig anders. 

Die meisten Menschen können hören und kommunizieren selbstverständlich über die Lautsprache. Für gehörlose Menschen kann vieles dagegen schwieriger sein: ein Arztbesuch, ein Gespräch in einer Behörde, ein Elternabend, eine Schule, ein Telefonat oder einfach eine spontane Unterhaltung mit einem fremden Menschen.

Oft muss ich erklären, dass ich gehörlos bin.

Oft muss ich erklären, warum ich nicht telefonieren kann.

Und manchmal muss ich darum kämpfen, verstanden zu werden. 

Ich habe Abitur gemacht und ein Hochschulzertifikat als Dozentin für Deutsche Gebärdensprache erworben. Ich habe mich weitergebildet und arbeite heute selbstständig im Bereich Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation.

Ich möchte mein Wissen weitergeben.

Ich möchte hörende Menschen zeigen, dass Gebärdensprache nicht nur eine "Hilfssprache" ist. Sie ist eine vollständige Sprache mit ihrer eigenen Grammatik, Kultur und Geschichte.

Gleichzeitig möchte ich gehörlose Kinder und Familien stärken. 

Denn ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig frühe Kommunikation ist. 

Ein Kind braucht die Möglichkeit, sich auszudrücken. Es möchte erzählen, fragen, lachen, widersprechen, seine Gefühle zeigen und verstanden werden. 

Wenn ein gehörloses Kind Zugang zu einer Sprache bekommt, bekommt es nicht nur Wörter oder Gebärden. 

Es  bekommt eine Stimme.

Es Stimme muss nicht hörbar sein. 

Sie kann sichtbar sein.

Als Mutter von vier gehörlosen Kinder erlebe ich jede Tag, wie unterschiedlich Kinder sind und wie wichtig individuelle Unterstützung ist. Deshalb beschäftige ich mich neben der Gebärdensprache auch mit Kommunikation, Wahrnehmung, Unterstützung im Alltag, Frühförderung und der Begleitung von Kindern. 

Mein beruflicher  Weg ist eng mit meinem eigenen Leben verbunden. 

Ich möchte nicht nur über Barrieren sprechen.

Ich möchte etwas verändern. 

Ich möchte Brücken zwischen gehörlosen und hörenden Menschen bauen. 

Eine gehörlose Person braucht nicht immer jemanden, der für sie spricht.

Manchmal braucht sie einfach jemanden, der bereit ist, zuzuhören - mit den Augen.

Für mich bedeutet Inklusion deshalb mehr als ein schönes Wort.

Inklusion bedeutet, dass ein gehörloses Kind nicht das Gefühl bekommt, falsch zu sein.

Inklusion bedeutet, dass Eltern Informationen in einer Sprache erhalten, die sie verstehen. 

Inklusion bedeutet, dass Behörden, Schulen, Kitas und Einrichtungen Kommunikation ernst nehmen.

Und Inklusion bedeutet auch, dass gehörlose Menschen selbstverständlich ihren eigenen Weg gehen dürfen. 

Ich habe gelernt, dass mein Leben nicht dadurch kleiner wird, dass ich nicht hören kann. 

Meine Welt ist anders.

Und gerade diese andere Perspektive hat mich stark gemacht.

Ich bin gehörlose Tochter. Ich bin gehörlose Ehefrau. Ich bin Mutter von vier Kindern. 

Ich bin Gebärdensprachdozentin.

Ich bin selbstständig. 

Und ich bin ein Teil einer Familie, in der Gebärdensprache über Generationen weitergegeben wird. 

Meine Geschichte zeigt mir jeden Tag:

Kommunikation ist nicht nur das, was man hört. Kommunikation ist das, was Menschen miteinander verbindet. 

Und manchmal braucht es dafür keine Stimme. Nur zwei Hände.